Erik Satie und die musi(e)kalischen Kinder

zitty Berlin, 01.10.1993
Ankündigung und Vorbesprechung zur Aufführung

von Lutz Gümbel

"Bevor ich mich an die Niederschrift eines Werkes mache, gehe ich ein paar Mal mit mir zusammen um es herum." Der wunderbare Satz stammt von Erik Satie, dem Komponisten, Pianisten, Schriftsteller, Philosophen, der uns musikalische und literarische Werke hinterlassen hat, die sich in keine der gängigen Schubladen einordnen lassen. Immer voller Widersprüche, meistens grotesk, hatten sie lange Zeit bei der Kritik einen ebenso schweren Stand wie ihr Schöpfer im Leben. Der - Melone und Zwicker sein Markenzeichen - lag immer quer, begann erst mit 40 Kontrapunkt zu studieren, gründete mit skurrilem Protest eine eigene Kirche - Oberhaupt und einziges Mitglied: Erik Satie - und verfaßte eine begnadete Abrechnung mit allen Musikkritikern dieser Welt. In völliger Armut starb er 1925 in Paris.

Elena Brückner und Harald-Alexander Korp haben aus seinem Opus ein musikalisch-literarisches Programm gefiltert, das sich von der Skurrilität Saties leiten läßt. Dessen Bemerkungen zum Musikunterricht, wie dieser gebührlich, mit geputzter Nase und ohne "Finger voller Konfitüre" zu absolvieren sei, ergeben den Handlungsrahmen einer Unterrichtsstunde, in der der Meister an den ungezogenen Gören zu verzweifeln beginnt. Eingestreut sind Apergus zu Musik und Leben, blitzende Aphorismen, und auch die geniale Satire auf die Kritiker fehlt nicht. Begleitet und getragen wird das Programm von Klavierstücken aus den - wenn ich recht gehört habe - "Gnossiennes" und den "Gymnopedies". Das alles paßt recht gut zur Atmosphère des winzigen schwarzen Raumes der "Freunde der italienischen Oper" - ein Hauch von Erinnerung an die dunklen Pariser Existenzialistenkeller der 50er Jahre.

5./6.10. um 21.03 Uhr bei den Freunden der italienischen Oper

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